Orphaned Land, Voodoo Kungfu, Imperial Age & Crisalida, 09.11.16, München, Backstage

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Auch wenn die Veröffentlichung des letzten Orphaned Land-Opus „All Is One“ schon drei Jahre zurückliegt, haben es sich die israelischen Friedensbotschafter nicht nehmen lassen, zum 25-jährigen Bandjubiläum nochmal eine vollgepackte Best of-Europatour zu unternehmen. Mit dabei hatten sie dieses Mal drei Bands aus den verschiedensten Ecken der Welt, ein spannendes Package mit Klängen aus unterschiedlichsten Sound-Universen.

Orphaned Land

Den Anfang machten Crisalida aus Chile. Nach verhaltenem Beginn, der zunächst auf geradlinigen, atmosphärischen Rock mit spanischen Texten hindeutete, wurden sie mit zunehmender Spielzeit immer sicherer in der Präsentation. Die Kompositionen entpuppten sich härter, progressiver und abwechslungsreicher als zunächst vermutet, Sängerin Cinthia Santibáñez überzeugte mit einer kraftvollen Stimme. Waren zu Beginn der guten halben Stunde Spielzeit nur um die vierzig Interessierte anwesend, so füllte es sich im Laufe des sympathischen Auftritts zusehends.

Crisalida

Crisalida

Crisalida

Crisalida

Crisalida

Crisalida

Weiter ging es im internationalen Reigen mit prätentiösem Bombast Metal von Imperial Age aus Russland. Die sechsköpfige Band wartete gleich mit dreifach starker Gesangskraft auf (zweimal Sopran, einmal Bariton). Trotzdem ließen die Damen und Herren die Gelegenheit ungenutzt verstreichen, dem inzwischen etwas ausgelutschten Genre Symphonic Metal durch clevere Gesangsarrangements etwas Neues zu entlocken, und ein Großteil der symphonischen Klänge kam vom Band – soweit das im undifferenzierten Soundmatsch überhaupt auszumachen war. Da halfen auch fesche Kostüme und nette Ansagen auf Deutsch von Bandleader und Keyboarder/Sänger Alexander Osipov nicht. Aber die anwesenden Liebhaber dieser Metal-Spielart kamen auf ihre Kosten, und es blieben ja noch zwei Bands, auf die die anwesenden Betreuer sich freuen konnten.

Imperial Age

Imperial Age

Imperial Age

Imperial Age

Imperial Age

Imperial Age

Die folgenden Voodoo Kungfu wurden laut eigenen Aussagen von der chinesischen Regierung als „Anti-humanity Band“ gebrandmarkt, aufgrund ihres zweiten, politisch heiklen Albums „Tibet – The Dark Age“. Tatsächlich sind sie wahrscheinlich aber genau das Gegenteil, vereinen sie doch Musiker bzw. musikalische Einflüsse aus China, Tibet, der Mongolei und den USA, wohin die Band ihr Hauptquartier inzwischen verlegt hat.

Beim Wacken Open Air 2008 wurden sie als beste chinesische Heavy-Metal-Band angekündigt und ich wage zu behaupten, dass die westliche Welt so etwas wie das Phänomen Voodoo Kungfu zuvor weder gesehen noch gehört hat. Die durch Kostüme, Make-up und Masken unterstützte Bühnenpräsenz der gesamten Band, allen voran Frontmann und Vokalakrobat Nan Li, ist Furcht einflößend und bizarr. Die musikalische Ausrichtung ist wohl irgendwo zwischen Post Metal und Industrial mit fernöstlichen Einsprengseln einzuordnen, und das absolute Alleinstellungsmerkmal ist der irre Gesang von Cobra, wie Nan Li sich auf Facebook nennt. Kehlkopfgesang, markerschütterndes Keifen, kellertiefe Growls, Metal Screams und ja, auch ab und zu mal ’normale‘ Töne: Der Mann hat einfach alles drauf.

Den Song mit der dichtesten Atmosphäre und einem phänomenalen Spannungsaufbau verbrät die Band zwar gleich am Anfang (übertragen ‚This Shore‘), trotzdem kann sie die Intensität bis zum Schluss halten. Der letzte (eigene) Song markiert das erste Ausrufezeichen für mehr Menschlichkeit auf unserer Erde – ein intensiver Augenzeugenbericht Nan Lis vom Tian’anmen-Massaker 1989. Zum Abschluss gab’s noch eine (wie sollte es auch anders sein) recht eigenwillige Coverversion des Slayer-Klassikers ‚Raining Blood‘. Unterhaltsam, aber verzichtbar nach den vorangegangenen 40 Minuten. Ein beeindruckender Auftritt.

Voodoo Kungfu

Voodoo Kungfu

Voodoo Kungfu

Voodoo Kungfu

Voodoo Kungfu

Voodoo Kungfu

Voodoo Kungfu

Voodoo Kungfu

Wenngleich die vorangegangene Zeremonie die anwesenden Betreuer sehr in ihren Bann gezogen hatte, stand der Abend trotzdem voll und ganz im Zeichen von Orphaned Land. Los ging es mit drei Hits des (immer noch) aktuellen Albums „All Is One“. Der Titeltrack, ‚The Simple Man‘, und das emotionale ‚Let The Truce Be Known‘ gaben die Richtung für die folgende Stunde vor: ein Volltreffer-Hit nach dem anderen. Dabei lag der Fokus auf den vergangen drei Alben, doch bei einer Best of-Jubiläumsshow durften die ersten beiden Alben natürlich auch nicht außen vor bleiben.

Die ersten drei Songs wurden von einem Großteil des enthusiastischen Publikums Wort für Wort mitgesungen. Diese einzigartige Atmosphäre, die mit jeder Note die friedliche Zusammenkunft verschiedenster Nationen, Religionen, Hautfarben und sexueller Orientierungen im Namen der Musik feiert, ist einfach unglaublich ansteckend und euphorisierend. Nach einem ersten Abstecher zum 2010er-Mammut-Konzeptwerk „The Never Ending Way Of ORwarriOR“ (‚Barakah‘) durfte das Münchner Publikum bei ‚Kiss of Babylon‘ zum ersten Mal seine Stimmgewalt präsentieren. Der erste ‚leileilei‘-Mitsing-Part des Abends verwandelte die Backstage-Halle endgültig in eine einzige Oriental-Metal-Party. Und wiegesagt, der Enthusiasmus, den der Fünfer an den Tag legt, springt einfach sofort über.

Kobi Farhi (Orphaned Land)

Kobi Farhi (Orphaned Land)

Das folgende ‚Brother‘ widmete Front-Jesus Kobi Farhi allen Anwesenden Brüdern und Schwestern aus der ganzen Welt und dem friedlichen Spirit dieses Brücken überwindenden Konzerts. Ein Moment, der jedes Mal für Gänsehaut, Kloß im Hals und Tränen in den Augen sorgt angesichts der Entwicklung der Welt da draußen. Doch all das ist schnell vergessen, spätestens beim nächsten ‚leieilei‘- und Hüpf-Exzess zu ‚Birth of the Three’/’Olat‘. Es folgen die Video-Singles von „Mabool“ und „…ORwarriOR“, ‚Ocean Land‘ und ‚Sapari‘, die aus keinem Orphaned Land-Konzert mehr wegzudenken sind. Das nun schon 20 Jahre alte Zweitwerk „El Norra Alila“ wurde kurz gestriffen, bevor das reguläre Set mit ‚In Thy Never Ending Way‘ ein leider allzu frühes Ende fand.

Der Verfasser dieser Zeilen hätte sich wenigstens noch ‚Our Own Messiah‘, ‚New Jerusalem‘ und ‚Codeword: Uprising‘ gewünscht, aber das ist wohl der Fluch jeder Band, die bereits mehr als zwei oder drei Alben auf dem Markt hat. Die Zugabe bot zumindest noch einmal reichlich Gelegenheit zum Mitsingen und -tanzen, und so blieb neben dem erfüllten Gefühl, einen besonderen Konzertabend erlebt zu haben die Hoffnung auf eine Fortsetzung nächstes Jahr, mit neuem Album im Gepäck. Ein abschließender Plausch mit Drummer Matan Shmuely, den die Betreuer erst kürzlich auf dem ProgPower Europe mit seiner anderen Band Subterranean Masquerade gesehen hatten, befeuerte diese Hoffnung. Die Musik des kommenden Orphaned Land-Albums ist wohl schon komplett komponiert und soll wohl wieder um einiges härter ausfallen. Das Konzept steht wohl auch schon, und sobald die Lyrics fertig sind soll es ins Studio gehen. Auf die nächsten 25 Jahre Orphaned Land also!

Uri Zelcha und Kobi Farhi (Orphaned Land)

Uri Zelcha und Kobi Farhi (Orphaned Land)

Idan Amsalem (Orphaned Land)

Idan Amsalem (Orphaned Land)

Chen Balbus (Orphaned Land)

Chen Balbus (Orphaned Land)

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Live-Fotos: Monika Baus

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Orphaned Land, Voodoo Kungfu, Imperial Age & Crisalida,…

von Dario Albrecht Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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