#CrowdfundingCorner Nr. 4: November 2016

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Von Wiederholungstätern und Diebstahlopfern

In der heutigen Ausgabe werfen wir einen kleinen Blick hinter die Kulissen des Crowdfundings und baten Ragnar Ólafsson, Multiinstrumentalist und Sänger bei diversen isländischen Bands, aus der Sicht des Künstlers zu berichten:

Ragnar, Du konntest bereits Erfahrungen mit Crowdfunding sammeln, 2014 hast Du mit Deiner Band Árstíðir auf diese Weise Euer drittes Studioalbum „Hvel“ finanziert. Gerade arbeitest Du an Deinem ersten Soloalbum „Urges“ und auch dafür sammelst Du Geld bei Deinen Fans. Welche Vorteile siehst Du in dieser Finanzierungsmöglichkeit?

Beim Crowdfunding entsteht ein direkter Dialog zu den Leuten die Deine Musik hören. Es gibt keine Mittelmänner, Aufpasser oder Tastemaker zwischen dem Künstler und dem Zuhörer. Das ist ungefähr so, als würde man sein Essen direkt beim Bauern kaufen anstatt Lebensmittel zu erwerben, die in einer Fabrik verarbeitet, verändert, verpackt und etikettiert wurden.

Gibt es auch Nachteile?

Der einzige Nachteil ist die Extraarbeit. Normalerweise verlangt die Arbeit an dem Album selber schon sehr viel Energie und Aufmerksamkeit über einen langen Zeitraum. Und wenn dann noch die Aufgabe mit hinzu kommt die Belohnungen fertigzustellen und zu verschicken, dann kann das leicht zur Belastung werden.

Arstidir hatte Kickstarter als Plattform verwendet, Du benutzt nun Karolina Fund, was mir bisher nicht bekannt war. Warum?

Karolina Fund ist eine in Island ansässige und gut etablierte Crowdfundingplattform. Jedes Projekt bekommt eine englische und eine isländische Seite, weshalb sich die Nachricht leicht an die Menschen hier vor Ort und auf der ganzen Welt verbreiten lässt. Außerdem vermittelt Karolina Fund ein etwas bescheideneres skandinavisches Gefühl, das mag ich.

Für das Album „Hvel“ hattet Ihr damals ein Finanzierungsziel von 20.000 US-Dollar festgesetzt, letztlich waren die Fans bereit 69.000 Dollar vorzufinanzieren, dieses Projekt war also unheimlich erfolgreich. Und auch Deine neue Kampagne hat bereits vor dem Ablauf der Frist das Finanzierungsziel von 2.500 € erreicht. Was ist Deiner Meinung nach das Erfolgsrezept?

Ich für meinen Teil denke, dass Offenheit der Schlüssel ist. Bei diesem Geschäftsmodell versucht man nicht ein Produkt zu verkaufen sondern vielmehr, dass sich die Leute für Dein Projekt engagieren. Anstatt die Geldgeber als Konsumenten zu sehen, werden sie einbezogen und kümmern sich um das, was Du tust.

Crowdfunding hat normalerweise nichts mit betteln zutun, die Fans verschenken nicht ihr Geld sondern gehen in Vorkasse um hinterher eine Belohnung zu erhalten. Ca. 50% der erfolgreichen Projekte werden von den Bands im Nachhinein dennoch als Bürde empfunden. Woran liegt das?

Häufig kalkulieren die Künstler die Kosten für die Herstellung und das Verschicken der Extra-Belohnungen nicht. Der Versand kann schnell sehr teuer werden, zum Beispiel, wenn man Schallplatten in die ganze Welt verschickt. Wenn man diese Kosten nicht abschätzt und in den Kapitalbedarf einrechnet kann es zum Schluss dazu kommen, dass der Künstler tatsächlich Geld an dem Projekt verliert und es aus der eigenen Tasche bezahlen muss.

Dank Deiner Fans wirst Du Dein Soloprojekt nun als Album zumindest als digitalen Download anbieten können. Wirst Du die Überfinanzierung in die Aufnahmen stecken oder jetzt evtl. doch noch CDs pressen lassen?

Die Kosten des Albums liegen tatsächlich höher als das moderat angesetzte Finanzierungsziel in Höhe von 2.500 €. Es sollte realistisch zu erreichen sein, gemessen daran, dass ich ein bisher unbekanntes Projekt anbiete. Ich zahle immer noch einen Teil der Kosten für dieses Album aus meiner eigenen Tasche, daher sind die zusätzlichen finanziellen Mittel sehr hilfreich. Und ich bin sehr glücklich über den Zuspruch den ich bekomme. Was ich am meisten am Crowdfunding liebe ist, dass man die Ermutigung der Leute spürt, die an dich glauben und dich anspornen!

Wir wünschen Dir viel Erfolg mit Deinem Soloprojekt, danke für die Beantwortung unserer Fragen!

Wer bei diesem Projekt noch mitmachen will, sollte sich ranhalten, die letzten 48 Stunden laufen!

 

Dies sind weitere aktuelle Projekte:

Die Band Royal Canoe bewegt leider keine neue Musikveröffentlichung zum Starten einer Kampagne. Scheinbar fokussieren sich Verbrecherbanden zunehmend auf den Diebstahl von Tourequipment, und so hatte es nun Ende Oktober die Kanadier erwischt. Bei einem Zwischenstopp wurde der Anhänger mit Instrumenten und Technik entwendet, der Schaden für die Band beträgt gut 50.000 Euro. Die Tour konnte durch Leihequipment inzwischen fortgesetzt werden, um langfristig wieder auf die Beine zu kommen braucht die Band jedoch Unterstützung von den Fans. Egal wie groß oder klein die Spende über Indiegogo ausfällt, als Gegenleistung gibt es den Download der „Agassiz EP“.

Die Plattform Pledgemusic widmet sich einer Subvariante vom klassischen Crowdfunding. Als „Direct-to-fan“ werden zwar auch Kampagnen ähnlich der Projekte von Kickstarten u.a. angeboten – ein Finanzierungsziel muss erreicht werden, sonst findet die Transaktion zwischen Fan und Künstler nicht statt. Jedoch liegt die Besonderheit von Pledgemusic eher in dem reichhaltigen Angebot von Vorbestellmöglichkeiten zu bevorstehenden Veröffentlichungen. Damit ergibt sich den Bands die Möglichkeit frühzeitig die Kosten der Produktion mit ersten Einnahmen noch vor dem offiziellen Verkaufsbeginn zu decken. Diese Variante findet man momentan u.a. bei folgenden Künstlern:

Die britische Band Tilt hatte im Sommer ihr Debutalbum „Hinterland“ veröffentlicht. Nun soll eine Vinylpressung ergänzt werden, dazu können Vorbestellungen von verschiedenen CD/T-Shirt/Vinyl-Paketen vorgenommen werden. Exklusiv gibt es auch handgeschriebene Songtexte und Testpressungen.

The Red Paintings hat kein Wagnis gescheut und bietet als Belohnung für ein Investment von 45 Dollar original Area 51-Steine an. Natürlich wird darüber hinaus auch das bald erscheinende Album der Australier als Download, Digipak oder signiertem Digipak angeboten.

Lifesigns neues Album „Cardington“kann zum Release im Frühjahr 2017 vorbestellt werden. Es gibt vielfältige Variationen des Albums, signierte Setlists, Poster etc. zu erstehen.

Und auch bei diesem CrowdfundingCorner ist Rick Wakeman dabei. Das Projekt „The Phantom of the Opera“ ist die Kombination eines Lon Chaney Stummfilms mit dem Wakeman-Soundtrack. Neben DVD, CD, Vinyl, Download u.a. gibt es als besonderes Schmankerl Eintrittskarten zu einer exklusiven Filmvorführung, auch kombinierbar mit der Möglichkeit zum Meet and Greet.

Bildquelle: Kampagne von The Red Paintings

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Über den Autor

Annika Dormeyer

Das Leben ist komplex!

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#CrowdfundingCorner Nr. 4: November 2016

von Annika Dormeyer Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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