Daniele Liverani – An Innocent Challenge (Piano Concerto N.1 in D minor)

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Daniele Liverani - An Innocent Challenge Piano Concerto 1 - Cover(33:57, Download, Lion Music, 2016)
Multitalent Daniele Liverani ist wahrlich kein unbekannter in der Prog-Szene. Als Keyboarder prägte er die ersten drei Alben der italienischen Melodic Prog Metal Formation Empty Tremor; er brachte einige virtuose Gitarren-Soloalben heraus und initiierte (hier wieder als Keyboarder) das internationale (und instrumentale) Fusion Metal-Projekt Cosmics mit u. a. Virgil Donati (drums) und Rufus Philpot (bass).

Einem etwas größeren Publikum dürfte er durch seine dreiteilige Rockoper im Ayreon-Stil, „Genius“, bekannt geworden sein, mit illustren Gastsängern wie Daniel Gildenlöw (Pain of Salvation), Russell Allen (Symphony X) und Jorn Lande. Sein nun von Lion Music digital auf den üblichen Portalen veröffentlichtes erstes Klavierkonzert knüpft allerdings am ehesten an seine letzte richtige Band Twinspirits an, die trotz drei starker Melodic Prog Metal-Alben leider nie über den Status des Geheimtipps hinaus kam. Vor allem im abschließenden Epic auf dem dritten Twinspirits-Album „Legacy“ (hier galt wohl leider: nomen est omen), ‚The Endless Sleep‘, kam Danieles Liebe zu klassischer Musik zur Geltung, kunstvoller und besser komponiert als 90 Prozent des sonstigen Symphonic Metal-Breis.

Zu seinen musikalischen Wurzeln zurückkehrend, widmete sich Daniele in letzter Zeit hauptsächlich wieder der Klassik und veröffentlichte viele Kompositionen umgehend auf YouTube. Vor allem die Violinsonate und das Oboenkonzert hatten es dem Verfasser dieser Zeilen bereits angetan. Auch wenn die Klassik-Affinität beim Rezensenten also nach wie vor hoch ist, in Sachen Klassik-Wissen kann kaum jemand dessen Schwester das Wasser reichen. So wurde ihr der Hauptteil überlassen und es entstand eine detaillierte Analyse, die im folgenden komplett und ungekürzt ‚abgedruckt‘ ist:

Mit seinem ersten Klavierkonzert versucht sich Daniele Liverani an einem neoromantischen Werk. Damit stellt er sich in die Tradition großer Komponisten. Schon beim ersten Hören kommen einem sofort Namen wie Johannes Brahms, Pjotr Iljitsch Tschaikowski oder Edvard Grieg in den Sinn. Auch bei genauerem Hinhören lassen sich Feinheiten entdecken, etwa die Verknüpfung mehrerer Themen durch ein gemeinsames Grundmotiv, wie sie für Johannes Brahms typisch ist.

Die viersätzige Form mit einem langsamen dritten Satz ist zwar ungewöhnlich (üblich sind drei Sätze mit einem langsamen Mittelsatz), doch schon Johannes Brahms wählte diese Form für sein zweites Klavierkonzert B-Dur op. 83.

Der erste Satz, ‚An Innocent Challenge‘, ist mit fast 13 Minuten auch der längste. Er ist wiederum in vier Teile gegliedert. Anfang und Schluss des Satzes halten sich noch nah an den romantischen Vorbildern. Sie sind geprägt durch Exposition und Entwicklung zweier Themen, die durch ihre Unterschiedlichkeit – das eine weit und schwingend, das andere fanfarenartig – vor allem an das Klavierkonzert a-moll op. 16 von Edvard Grieg erinnern. Der zweite Teil dagegen ist fast kammermusikalisch. Das Thema und seine Entwicklung lassen eher an Klaviervirtuosen wie Frédéric Chopin oder Franz Liszt denken. Erst bei genauerem Hinhören wird deutlich, dass es sich immer noch um das erste Thema handelt, jetzt jedoch als Musettewalzer präsentiert. Überraschend anders dagegen das Thema des dritten Teils: So wie es federnd durch Intervalle ambivalenter Harmonik springt, kann man es allenfalls als postromantisch bezeichnen. Ähnliche Melodieführung findet sich beispielsweise in der 5. Sinfonie d-moll op. 47 von Dmitri Schostakowitsch. Doch der Ausflug währt nur kurz. Schon nach wenig mehr als einer Minute hat uns das erste Thema wieder und wir sind voll im romantischen Klavierkonzert à la Tschaikowski oder Grieg.

Der zweite Satz, ‚Childhood Fading Away‘, ist geprägt von einem schwingenden Thema, das den ganzen Satz durchzieht, unterbrochen von virtuosen Solopassagen. Das Thema zeigt sich zunächst in heiterem Dur und mit einfacher Orchestrierung, die selbst im Tutti kammermusikalisch wirkt und mühelos in das Pianosolo übergeht, das direkt aus Robert Schumanns „Album für die Jugend“ stammen könnte. Dreimal nacheinander wird dieses Dur-Thema vom Klavier präsentiert – einmal mit Orchester, einmal Solo und noch einmal als Solo mit Orchester – bevor es über eine verminderte Modulationsstufe ins zweite Thema transformiert wird. Dieses erscheint zunächst in Form von Tutti-Einwürfen in das verminderte erste Thema, bevor es als eigenständiges Thema weiter entwickelt wird. Es handelt sich dabei um eine Verkleinerung und Umkehrung des ersten Themas. Nach einer Solopassage kehrt das erste Thema wieder, diesmal in Moll, gefolgt einer weiteren Auseinandersetzung mit dem zweiten Thema. Die folgende Solopassage mündet in eine Art Trio, das durch die rhythmische Vergrößerung stark beruhigt ist. Ein Ähnliches findet sich auch im zweiten Satz des zweiten Klavierkonzerts B-Dur op. 83 von Johannes Brahms. Einprägsam ist der verspielte, geradezu humoreske Übergang des Klaviers, der in diesem Teil zweimal auftaucht. Es folgt eine weitere Solopassage, bevor das erste Thema, erneut moduliert, den Satz beschließt.

Der kurze dritte Satz, Meditation, ist genau das: eine Meditation. Mit Ausnahme der Kadenz bleibt er ganz in der meditativen Stimmung, die getragen wird von homophonen Streicherklängen ergänzt durch eine Oboe. Die Melodie befindet sich ausnahmslos im Klavier und wird nur streckenweise von der Oboe oder den Streichern gedoppelt. Eine Entwicklung findet kaum statt.

Entzieht sich schon der langsame dritte Satz allen Vergleichen aus dem Repertoire der romantischen Klavierkonzerte, so zeigt vor allem der vierte Satz, ‚Complete Consciousness‘, dass Daniele Liverani sich von seinen großen Vorbildern nicht einengen lässt. Hier schlägt er den Bogen von Bach bis in die Moderne. Das erste Thema wird zunächst im klassischen zweistimmigen Kontrapunkt präsentiert, der jeden sofort an Johann Sebastian Bach denken lässt. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch den Einsatz der Orgel. Mit diesem Thema setzt sich Daniele Liverani zunächst eine ganze Weile auseinander, bevor er nach einer Solokadenz das zweite, scheinbar eindeutig romantische Thema einführt. Dieses fließt zunächst in den Streichern über den Pianowirbeln dahin, wie die Moldau von Bedrich Smetana. Doch schon bald werden einzelne Passagen des gleichen Themas in bester Prog-Manier dazwischen geschoben. Das zweite Thema, in seiner romantischen wie in seiner modernen Form, erhält genauso viel Aufmerksamkeit wie das erste, führt aber letztlich wieder dorthin zurück. Der dritte Teil des letzten Satzes ist wieder dem ersten Thema gewidmet, das diesmal jedoch fugenähnlich präsentiert und verarbeitet wird. Erneut kann man sich des Vergleichs mit Bach nicht entziehen. Doch auch dieses „klassische“ Thema ist vor furios-moderner Neuinterpretation nicht gefeit, die es nach einer gewaltigen Steigerung erreicht. Danach bleibt nur noch die Schlusskadenz des Solopianos und eine letzte Reminiszenz an den Kontrapunkt zu Beginn des Satzes. Damit ist das 1. Klavierkonzert von Daniele Liverani zu Ende.

Insgesamt besticht es durch packende Themen und deren modulationsreiche Präsentation. Ein klassisch geschultes Ohr wird vielleicht den vollen Orchesterklang vermissen, der nur an wenigen Stellen voll ausgenutzt wird, doch wird der Hörer im letzten Satz durch ein ganz neues Klangerlebnis entschädigt.

Zusammenfassend kann man Daniele Liverani zu einem sehr gelungenen Einstand als Klassikkomponist gratulieren. Auch wenn sein Klavierkonzert voller Reminiszenzen an einige alte Großmeister ist, wenn man Liverani’s komplettes Oeuvre auf YouTube anhört, dann ist ein ureigener Stil nicht von der Hand zu weisen. Einzig der Computer-Orchestersound bedeutet leider Abzüge in der B-Note. Man kann nur hoffen, dass sich für den nächsten Klassik-Release von Daniele Liverani ein Orchester findet, das die filigranen Kompositionen zum Leben erweckt. Zur finanziellen Unterstützung dieses Unterfangens wäre eine Crowdfunding-Kampagne sicherlich eine Option. Aber auch mit Computer-Sympho-Sounds ist dieses Klavierkonzert aufgrund des virtuosen Piano-Spiels und den zu jeder Zeit hell aufleuchtenden Kompositionskünsten jedem Klassikliebhaber innerhalb und außerhalb der Prog-Szene unbedingt zu empfehlen.
Bewertung: DA 12/15, LA 11/15

Einleitung und Fazit: Dario Albrecht, Hauptteil: Laura Albrecht
Bilder: Pressefreigabe Lion Music

Daniele Liverani 2016 - 8
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Twinspirits – The Endless Sleep Pt. 1 auf Youtube
Twinspirits – The Endless Sleep Pt. 2 auf Youtube

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Daniele Liverani – An Innocent Challenge (Piano Concer…

von Dario Albrecht Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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