Blind Ego – Liquid

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(63:00, CD, Gentle Art Of Music, 2016)
Mit „Liquid“ legt RPWL-Gitarrist Kalle Wallner seinen dritten Solo-Output unter dem Namen Blind Ego  vor. Wie schon bei den ersten beiden Alben geht er unter eigener Regie deutlich rockiger und metallischer zu Werke als man das von seiner Stammband gewohnt ist.

„Liquid“ bietet auf ca. 60 Minuten jede Menge Tempo und rockt musikalisch auf hohem Niveau. Mit dem Drummer Michael Schwager und den Bassisten Sebastian Harnack (Sylvan), Ralf Schwager (Subsignal) und Heiko Jung (Panzerballett) hat er eine Rhythmus-Sektion von Format an den Start gebracht. Insbesondere Michael Schwager fällt durch sein Ego-befreites, druckvolles und songdienliches Spiel angenehm auf.

Auch Wallner selbst lässt den Bandnamen selbstironisch beiseite und stellt sein ganzes Können in den Dienst der Songs. Mit den Titeln ‚A Place In The Sun‘, ‚Blackened‘, ‚What If‘ und ‚Not Going Away‘ lässt er hintereinander vier Rocker im Sechsminuten-Minuten Bereich von der Leine, die allesamt modernen metallisch-proggigen AOR auf hohem Niveau bieten. Hierfür stellten sich abwechselnd Eric Ez Blomkwist und Arno Menses (Subsignal) ans Mikrofon.

Zunächst gibt Blomkwist den Metal-Shouter. Man sieht ihn förmlich vor sich stehen, wie im Studio wild mit den Armen gestikulierend seinen Gesang untermalt. Leider verwechselt er dabei oft gesanglichen Ausdruck mit aufgesetzter Theatralik. Ganz anders Arno Menses – dessen Gesang hat schlicht Präsenz, während er einfach er selbst bleibt. So singt er ‚Blackened‘ zur Single des Albums. Dieser Klassenunterschied zieht sich auch durch die weiteren Stücke. Menses glänzt, Blomkwist brüllt und knurrt.

Einen Höhepunkt bildet das Epos ‚Never Escape The Storm‘ So mancher Fan von Queensryche dürfte sich hier mit Tränen in den Augen an seelige „Mindcrime“-  und „Empire“-Zeiten erinnert fühlen. Leider darf hier wieder Blomkwist ans Mikro. Man entschuldige die Polemik: Er klingt dabei, wie auch Mr. Tate heutzutage so klingt – wie ein Löwe im Zoo, der sich an einem Kaugummi abarbeitet. Ach hätte doch Arno hier rangedurft.

Die beiden folgenden Titel leiden allenfalls an der Position hinter ‚Never Escape The Storm‘, dessen Schatten ihnen etwas die Schau stiehlt. Bei ‚Quiet Anger‘ hat der Sänger-Battle Pause , den Menses sowieso längst gewonnen hat. Mit diesem formidablen Instrumental zeigt Kalle Wallner nochmals sein ganzes Können und gibt sich zudem generös, indem er einem der Bassisten Heiko Jung (Panzerballett) ein Solo zugesteht. Zum Abschluss übernimmt Aaron Brooks, quasi außer Konkurrenz, bei der Ballade ‚Speak The Truth‘ das Mikrofon. Nachdem das Stück majestätisch ausgeklungen ist, darf schließlich Arno Menses den Siegertitel ‚Blackened‘ noch mal im Single-Mix zum Besten geben.

Mit „Liquid“ gelingt Kalle Wallner sein bislang stärkstes Album, bei dem es allenfalls in Sachen der Sängerwahl noch etwas Luft nach oben gibt. Dabei ist es verständlich, dass Wallner das Feld nicht einem einzigen Sänger überlassen möchte. Schließlich ist „Liquid“ das Soloalbum eines Gitarristen, und grundsätzlich ist die Konzeption mit mehreren Sängern ein kluger, nachvollziehbarer Schritt. Festzustellen bleibt, dass das Werk jede Menge rockigen Spaß mit sich bringt. Absolut empfehlenswert.
Bewertung 11/15 Punkten (DH 11, HK 10, KR 11, KS 11)

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Karl-Heinz Wallner (Foto: Künstler)

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Über den Autor

Dieter Hoffmann

Dass der Prog-Virus hoch infektiös ist, musste ich bereits in meiner frühen Kindheit erfahren. Während meine Schulfreunde noch sorglos Ilja Richters Disco mit The Sweet und den Bay City Rollers schauen konnten, hatte mich mein älterer Bruder bereits in den frühen Siebzigern mit ELP und Yes verkorkst. Mein erster Radiorekorder und die LP-Hitparade von SWF3 gaben mir mit Genesis und Eloy dann den Rest.

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Blind Ego – Liquid

von Dieter Hoffmann Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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