Evergrey – The Storm Within

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Evergrey - The Storm Within(58:29, CD, AFM/Soulfood)
Zehn Alben in 20 Jahren, das hätte sich Evergreys Mastermind und Samtkehle Tom S. Englund nicht träumen lassen, als er die Band 1996 gründete, gibt der Bandkopf und die einzige Konstante im Line-up freimütig zu. Zwar war es von Anfang an sein erklärtes Ziel, doch so richtig glauben kann er es erst seit der Fertigstellung des Jubiläumsalbums, das auf den Namen „The Storm Within“ hört.

Seit dem 2014er-Comeback- und Reunion-Album „Hymns for the Broken“ hat der schwedische Hüne alle wichtigen Mitstreiter der ‚klassischen‘ Evergrey-Ära vor zehn Jahren wieder um sich geschart. Die Fans feierten die Rückkehr von Gitarrist Henrik Danhage und Drummer Jonas Ekdahl ebenso wie das dazugehörige Album „Hymns for the Broken“, das nun mit „The Storm Within“ einen mehr als würdigen Nachfolger bekommt, der den Status der Band als absolute Meister des emotionalen, düsteren Prog Metal zementieren soll. Und das noch dazu wirklich mal das Zeug dazu hat, das beste bisherige Album der Band zu sein. So oft man derlei sonst in den „Waschzetteln“ zu Veröffentlichungen liest, hier ist es zur Abwechslung mal nicht zu hoch gegriffen.

Evergrey Logo

Doch der Reihe nach. Was macht das Album so stark? Da spielen einige Dinge zusammen. Zunächst sei das meisterhafte Songwriting erwähnt. Schon längst den Gothic-getränkten Anfängen enteilt und auch den teils leicht käsigen Pop-Anteil einiger Melodien aus der „Monday Morning Apocalypse“-Ära wieder zurückgeschraubt, entfalten sich die Songs auf „The Storm Within“ gespickt mit süchtig machenden Melodien diesseits der Kitschgrenze und einer perfekt austarierten Balance zwischen Aggression und Melancholie, Geschwindigkeit, bombastischem Midtempo und epischer Slow Motion. Gerade diese Balance ist Evergrey seit seligen „The Inner Circle“-Tagen, also seit ziemlich genau zwölf Jahren, nicht mehr so grandios gelungen, weshalb der Rezensent, seines Zeichens damals großer Fan, die Schweden aus Göteborg etwas aus den Augen verlor. Doch eine glückliche Verknüpfung unterschiedlicher Zufälle wehte „The Storm Within“ ins Haus und entfachte eine alte Liebe neu.

Die Riffs sind, genauso wie der Gitarren-Sound und die gesamte Produktion, über die komplette Album-Distanz einfach fett, fetter, am fettesten, doch ohne einen komplett zu erschlagen. Die Gitarren-Soli spielen sich Tom und Rückkehrer Henrik Danhage geschickt zu. Geschmackvoll, gefühlvoll und schmerzerfüllt bis technisch schnell, wie es eben der jeweilige Song verlangt. Die Drums vom zweiten Rückkehrer Jonas Ekdahl sind druckvoll treibend, präzise auf den Punkt gedroschen, ohne jedoch zu maschinell zu werden und dadurch ihre Lebendigkeit zu verlieren. Der Bass von Johan Niemann legt ein solides Fundament und darf hier und da auch mal durchblitzen in kleinen, wunderschönen Überleitungen wie z. B. bei ‚Someday‘. Rikard Zanders Keyboard-Sounds sind unersetzlich für die gesamte Atmosphäre von „The Storm Within“ und prägen das Album wie vielleicht nie zuvor bei Evergrey. Dabei hat er einfach alles im Repertoire, von den bekannten klassisch-symphonischen Background-Teppichen und Pianoklängen bis hin zu futuristischen Ambient- und Elektronik-Sounds und Synthies, die zwar relativ neu sind im Evergrey-Kosmos, sich jedoch nahtlos einfügen. Mehr noch, sie fügen dem Sound einige neue Dimensionen hinzu. Stellvertretend dafür seien nur die frenetischen Electronics im heftig riffenden Mittelteil des Openers ‚Distance‘, die futuristischen Synthies im Refrain von ‚Disconnect‘ und  die perlenden Arpeggios im Outro des abschließenden Titeltracks genannt.

Aber vor allem atmet und lebt das Album pure Emotion und es blutet tiefste, düsterste Gefühle, wenn Herr Englund zu singen anfängt. Sein dunkles Timbre ist nach wie vor einzigartig und hat keinen Deut an Faszination eingebüßt. Die Melodien sind so meisterhaft auf den Punkt komponiert, ohne jemals kitschig zu werden, dass es eine wahre (melancholische) Freude ist. Als Sahnehäubchen gibt es auf dem straighten Rocker ‚In Orbit‘ auch noch einen Gastaufritt von Floor Jansen (Nightwish, ex-After Forever), die nicht nur mit ihrer Körpergröße, sondern auch mit ihrer Stimmgewalt locker mit Tom Englund mithalten kann. Im mittleren Teil versteckt sich mit ‚My Allied Ocean‘ dann zwar doch noch ein kleiner Durchhänger, der tatsächlich etwas an zu hoher Geschwindigkeit leidet. Doch dafür entschädigt das abschließende ‚Triple‘.

‚The Paradox of the Flame‘, ein Herzen brechendes Duett von Tom mit seiner Frau Carina, ist das absolute emotionale Highlight des Albums. Alleine wie die Gitarren die Harmonien des Gesangsduetts übernehmen – zum Niederknien. Dieses Niveau wird jedoch von ‚Disconnect‘ und dem abschließenden Titeltrack gnadenlos bis zum Schluss hochgehalten. Wo ‚Disconnect‘ noch ein perfektes Beispiel für schnelle Strophen und epische Refrains ist, gibt sich ‚The Storm Within‘ als purer Bombast, und es könnte für dieses nahezu makellose Album keinen besseren Abschluss geben.

Teapot of the Week

„Teapot of the Week“ auf Betreutes Proggen in der KW36/2016

Abschließend bleibt nur noch zu sagen: Mit „The Storm Within“ wird es Evergrey wohl nicht nur gelingen, langjährige Fans mehr als zufrieden zu stellen, sondern auch Abtrünnige zurückzugewinnen. Und mit ziemlicher Sicherheit wird es ihnen einen wohlverdienten Popularitätsschub bescheren. Umso erstaunlicher ist es, dass bis jetzt nur eine Tour als Special Guest von Delain angekündigt ist. Hoffentlich kommt da noch eine ordentliche, triumphale Jubiläums-Headliner-Tour hinterher. Verdient hätten sie’s.
Bewertung: 14/15 Punkten

Evergrey (Foto: Band)

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Evergrey – The Storm Within

von Dario Albrecht Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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