Mothertongue – Unsongs

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(48:26, CD, Bad Elephant Music/Just For Kicks Music, 2016)
Nach all den Jahren ein neues Album von Mother Tongue? Weit gefehlt: Bei Mothertongue handelt es sich nicht um das getrennt Mother Tongue geschriebene Rock-Quartett aus der kalifornischen Wüste, dass uns in den 90ern mit ihrem Psycho-Blues-Rock und Titeln wie ‚Broken‘ erfreute, sondern um eine sechsköpfige Gruppe von Briten, die sowohl schlechte Witze als auch Dinosaurier bzw. Echsen mögen, teils tolle Haare haben und sich eines Dienstag abends im Jahre 2013 ineinander verliebt haben. So zumindest die Kurzfassung der offiziellen Band-Biographie. Der anfängliche Schock aufgrund der Band-Verwechslung ist jedoch schnell überwunden, denn mit “Unsongs” legen diese Briten ein unterhaltsames Debut vor, das als Papp-Trifold mit liebevoll gestaltetem Cover ausgeliefert wird und somit auch noch hübsch aussieht.

“I’ll work the pedals and the devil can steer. Things are going to change around here.” So die ersten Zeilen von ‚King Of The Tyrant Lizards‘. Und tatsächlich, die Jungs drücken kräftig aufs Gaspedal; die Dinge ändern sich schneller als gedacht, denn was als chorales Gospel-Intro beginnt wird durch die einsetzenden Bläser plötzlich zur Ska-Nummer. Kaum ist das Thema einmal durchgespielt, erklingt plötzlich ein palm-muted Rockgitarrenriff. Doch auch nur für einen Durchgang und wir sind zurück im Ska. Der Gesang setzt ein. Wie könnte es auch anders sein, im Opener ‚King Of The Tyrant Lizards‘ geht es ja um Echsen welchen Formats auch immer. Ganz anders kommen die nächsten beiden Titel ‚A Poem That The Sky Wrote‘ und ‚Perfect Zero‘ daher: Arrangement und der humorvolle, theatralisch erzählende Gesang von Louis Smith erwecken den Eindruck, man säße in einem Ska-Funk-ProgRock Musical. Man fühlt sich auf seltsame Weise an Werke wie Frank Zappas “Joe’s Garage” erinnert.

‚The Fog‘ hingegen eröffnet mit einem sahnigen Bluesgitarrenriff. Will Holden spielt mit mittenbetontem Bass einen Stakkato-Groove darüber. Das ganze klingt schon recht funky. Mit dem Schlagzeug setzen jedoch auch Synth-Streicher ein und verleihen dem Sound einen elektrischen Hauch. Immer schwieriger wird es, die Muttersprachler in eine Genre-Schublade zu stecken. Versucht man es trotzdem, stößt man spätestens beim Titel ‚Nautilus‘ auf größere Schwierigkeiten: John Simm legt einen JazzFusion Beat vor, Phil Dixon und Mark Wall zaubern mit ihren glasklar-glockigen Gitarren eine Fahrstuhl-Jazz Atmosphäre und Smith beginnt mit seiner klaren, fast weiblich hohen Stimme darüber zu singen. Doch kaum hat man sich das Bild eines mit blauem Dunst vernebelten Kellergewölbes ausgemalt, flackert knappe 40 Sekunden später ein Indie-Rock Gitarren Riff auf. Wenige Takte später ein psychedelisch angehauchtes Synthesizer Solo. Es sind knappe anderthalb Minuten vergangen, als das Blatt sich auf’s Neue wendet; Eine Post-/NuRock Passage, die vor allem durch Smiths Gesang an Bands wie System of a Down erinnert. Eine weitere Minute später sind wir bei 90er Dancefloor-Pop angekommen der- zumindest beim Rezensenten- Erinnerungen an The Cardigans ‚Lovefool‘ weckt. Mit ‚Shango‘ kommen wir dann doch noch irgendwie in die Wüste: Ein rudimentärer Beat hämmert gemächlich durch die Hitze, Klapperschlangen rasseln, Andy Malbons Trompete säuselt eine Marschmelodie und Smith erzählt vom rollenden Donner und Doria des wilden Westens, zahnlosen Huren und gebrochenen Kiefern. Wir befinden uns inmitten einer Spaghetti-Western-Satire. Mit ‚Waxwing‘ hingegen, hauen die Jungs nochmal härter in die Saiten. Es wird punkiger und griechische Sagen auf die Schippe genommen. Im darauf folgenden ‚Funeral Song For The Icarus Worm‘ werden wir dann auch musikalisch ins alte Griechenland entführt, denn hier sind Einflüsse traditioneller griechischer Musik deutlich hörbar. Doch nur kurz ist der Ausflug. Noch einmal hören wir den Mothertongue-typischen SkaRock in ‚Blooper’s Theme‘. Dann wird es richtig elektrisch: Beats aus dem Drumcomputer und eine Synthesizer Sweep Melodie, die an C64 Jump&Run Hits wie Turrican und durchzockte Nächte voller analog Joystick-Akrobatik erinnern. Der Name des Titels, ‚Sidescroller‘, scheint daher votrefflich gewählt. Plötzlich wird es wieder eine Spur rockiger und mit ‚Starcross‘ weht uns der härteste Song des Albums um die Ohren. Zum Finale wird es schliesslich nochmals gefühlvoll, denn die Ska-Rock-Ballade ‚These Hands‘ rundet das Album ab. Mit einfühlsamer Stimme säuselt Smith die letzten Textzeilen des Albums: “Sleep like the ocean, sleep like the sea, sleep like a lazy willow tree.” Na dann gute Nacht!

Mit “Unsongs” liegt uns eine Ska-Rock Platte vor, deren Einzeltitel immer wieder mit einer Spur progressiver Oper durchzogen sind. Den harten Rock-Passagen fehlt jedoch eine Genre-typische, erdige und Mitten-betonte Schwere, wodurch beim Zuhörer zeitweise ein chirurgisch-steriler Eindruck erweckt wird. Wurden Mother’s Cake vom Rezensenten an anderer Stelle als „progressive Achterbahnfahrt“ beschrieben, so fehlen bei Mothertongue die Loopings. Vielleicht sind die Jungs aber auch einfach nur viel zu gut gelaunt für schweren Rock Sound.
Bitte beachtet, dass die Live-Videos sich u. U von den Album-Tracks unterscheiden!
Bewertung: 9/15 Punkten (KR 10, PS 9)

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Mothertongue – Unsongs

von Patric Sulz Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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