Shearwater – Jet Plane And Oxbow

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Jet Plane And Oxbow(52:00, 2LP + MP3, Sub Pop, 2016)
Shearwater ist eine Band, die hierzulande bislang leider nur recht wenig Beachtung findet. Auch die Prog-Szene scheint sie weitgehend zu ignorieren, obwohl gerade die aus den Alben „Palo Santo“, „Rook“ und „The Golden Archipelago“ bestehende „Island Arc“-Trilogie auf ganz besondere Weise Einflüsse aus Indie-Rock, Art-Pop, Post-Rock und Folk vermischt, sodass sie eine geradezu magisch-intime Atmosphäre durchzieht. Vergleiche mit Künstlern wie Peter Gabriel, den späten Talk Talk oder auch The Decemberists sind keine Seltenheit.

In jüngerer Vergangenheit hat Shearwater-Hauptprotagonist Jonathan Meiburg, seineszeichens studierter Ornithologie und Umweltaktivist, den Kurs der Band von eher ruhigen Tönen nach und nach in eine etwas lautere und sperrige Richtung gelenkt. Waren die letzten beiden Longplayer „Animal Joy“ und das Cover-Album „Fellow Travellers“  noch Übergangswerke , so ist der aktuelle Output „Jet Plane And Oxbow“ dass bislang energischste Werk der Gruppe. Laut Meiburgs eigener Aussage ist „Jet Plane And Oxbow“ ein Protestalbum geworden. Plumper Protest ist allerdings nicht Meiburgs Sache, zeichnen sich seine Texte doch gerade durch ihre Zerrissenheit und das Verbalisieren von Widersprüchen aus. Ein Paradebeispiel dafür ist die Single ‚Quiet Americans‘, die sich mit der Rolle der Amerikaner als sogenannte Weltpolizei auseinandersetzt –  im gleichnamigen Video beeindruckend inszeniert.

An die schroffen, quirligen Rhythmen und den neuen Sound muss man sich als langjähriger Fan der Sturmtaucher (so die deutsche Übersetzung des Bandnamens) erst gewöhnen. Die ruhigen und teils meditativen Klänge aus „Island Arc“-Zeiten sind passé. Dafür darf man sich den hymnischen Opener ‚Prime‘ durchaus als Verwandten von Peter Gabriels ‚Kiss Of Life‘ vorstellen. Außerordentlich mitreißend, fast pathetisch, erklingt ‚Pale Kings‘, das die Liebe zu Land, Natur und Menschen der Frustration über den gesellschaftlichen und politischen Zustand der USA gegenüberstellt. Getragenere Stücke wie ‚Only Child‘ und ‚Wildlife In America‘ leben von der Melancholie in Meiburgs Stimme, während man bei den energischeren Songs auf intensive Rhythmen und eine Prise Wut im Bauch setzt. ‚Radio Silence‘ fällt in diese Kategorie und ist gleichzeitig einer der Höhepunkte.

Bezogen auf das ganze Album, haben Shearwater die Einflüsse aus Post-Rock und Artpop deutlich verringert. Wo man früher die späten Talk Talk assoziierte, denkt man heute eher an die Talking Heads. Ob jeder Fan dem eingeschlagenen Weg folgt, bleibt dahingestellt. Das Niveau, auf dem sich die Band weiterentwickelt, ist jedoch nach wie vor hoch. Was sich auf „Animal Joy“ bereits andeutete, ist auf „Jet Plane And Oxbow“ ins Zentrum des Konzeptes gerückt, einer einfachen Kategorisierung entzieht sich die Band weiterhin shearwater-jp-o-losererfolgreich. Das ist progressiv im eigentlichen Wortsinn und hält die Spannung hoch. Wer weiß, wohin die Reise auf dem nächsten Album geht.

„Jet plane And Oxbow“ ist bei ausgewählten Händlern auch als „Loser Edition“ auf farbigem Vinyl erhältlich. Auf meinem Plattenteller drehen sich die beiden blauen Scheiben derzeit häufig, und nach anfänglicher Skepsis überzeugt mich das Werk ebenso wie die geliebten „Island Arc“-Alben.
Bewertung: 12/15 Punkten (DH 12, HK 11, KR 10)

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Über den Autor

Dieter Hoffmann

Dass der Prog-Virus hoch infektiös ist, musste ich bereits in meiner frühen Kindheit erfahren. Während meine Schulfreunde noch sorglos Ilja Richters Disco mit The Sweet und den Bay City Rollers schauen konnten, hatte mich mein älterer Bruder bereits in den frühen Siebzigern mit ELP und Yes verkorkst. Mein erster Radiorekorder und die LP-Hitparade von SWF3 gaben mir mit Genesis und Eloy dann den Rest.

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